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Kurier- und Eiltransporte. Lückenbüßer auf Rädern.

Wer heute auf der Straße unterwegs ist, dem fällt auf, dass man immer mehr „Planensprinter“ zu Gesicht bekommt. Damit sind die Fahrzeuge gemeint, die eine Nutzlast unter 3,5 t zGG haben und somit im Gegensatz zu schwereren Fahrzeugen wenig bis gar keinen Beschränkungen unterliegen. Meist handelt es sich nicht etwa um Transporter hiesiger Handwerkerfirmen, sondern um Kurier- und Eilfahrzeuge, die Pakete, Teilpartien mit geringem Volumen oder eben auch eilige und dringende Waren transportieren.

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Beispielbild: „Planensprinter“

Zu der Zeit als ich als Kurierfahrer unterwegs war, war es üblich, dass vornehmlich Frachten befördert wurden, die ganz dringend zu einem Empfänger gelangen mussten. Diese Transporte waren dadurch auch entsprechend gut bezahlt.

Heute wird die EU-Osterweiterung von hiesigen Auftraggebern ausgenutzt, um Unternehmer bzw. deren Fahrzeuge aus Osteuropa zu beauftragen, die durch niedrigere Kosten (wie u. a. auch Personalkosten) mit Frachtpreisen aufwarten, bei denen ein deutscher Kurier-unternehmer nicht mehr mithalten kann. So weit so gut, alles legitim, könnte man denken… wenn nicht der Wettbewerb auf dem Rücken der Fahrer ausgetragen würde. Denn diese Fahrer „leben“ oft wochen- und monatelang in diesen kleinen Fahrerkabinen! Fernab von Zuhause und Familie!

Wenn die Fahrer Glück haben, steht ihnen eine halbwegs annehmbare Schlafmöglichkeit (wie z. B. ein Topsleeper) in ihrem Fahrzeug zur Verfügung. Oft ist aber nicht mal das der Fall und es wird bei Wind und Wetter auf der Ladefläche kampiert, solange, bis der nächste Auftrag kommt.

Uns liegen zuhauf Bilder von Parkplätzen vor, auf denen die Kurierfahrer teilweise tagelang auf die nächsten Touren warten müssen. Auch Gespräche mit ihnen (sofern sie sich unterhalten wollen und nicht aus Angst vor ihrem Chef schweigen) liegen vor.

Wir haben Auszüge aus Frachtbörsen, wo man nur den Kopf schütteln kann. Da werden km-Preise bezahlt, die kaum die Kosten eines Unternehmers decken. Wir haben schriftliche Stellungnahmen von Kurierunternehmern vorliegen, die ihre Situation beschreiben. Außerdem liegt ein Bericht eines Kurierfahrers vor, der mit einem 7,5-Tonner europaweit Kurierfahrten durchgeführt hatte. Über diese Aussagen stehen einem förmlich die Haare zu Berge…

Zu transportierende Teilpartien wurden früher als Beiladungen von Speditionen befördert. Heute gibt es kaum noch solche Ladungen, weil es billiger ist diese Ladungen mit 2 Sprintern von osteuropäischen Kurierfahrern transportieren zu lassen. Die Kabotageregelung wurde eigentlich dazu gemacht, um Leerfahrten von Lkw zu vermeiden. Aber sie wird von Konzernen, Großlogistikern und Frachtvermittlern dazu genutzt, um durch Schlupflöcher Geld zu scheffeln.

Es wurde sogar beobachtet, wie z.B. in Berlin ein Pkw mit bulgarischem Kennzeichen für Hermes Pakete an Privathaushalte ausliefert. Es wurden mehrfach in Deutschland Paketdienste gesehen, die mit rumänischen Kennzeichen Tagestouren fahren. Es gibt Aussagen von Kunden, die Pakete angeliefert bekamen und feststellen mussten, dass der Fahrer kein Deutsch sprechen konnte und ihnen einen Zettel hingehalten hat, auf dem auf Deutsch stand, dass sie ein Paket anliefern wollen. Ist DAS der Sinn der EU-Erweiterung? „Billigarbeiter“, die monatelang unter oft erbärmlichen Umständen hier unterwegs sind und den hiesigen Unternehmen das Wasser abgraben? Auf dem Rücken der Menschen die eigenen Kleinunternehmer und kleinen Mittelständler zu ruinieren?

Eindeutig eine „Loose-Loose-Situation“… einziger Gewinner: Großunternehmen und Konzerne, die ohne Skrupel diese Umstände und vor allem sämtliche Schlupflöcher nutzen und Frachtenvermittlungen, die das große Geld auf Kosten der Billigunternehmer verdienen.

Wo liegen die Probleme, diese Schlupflöcher im Kurier- und Eiltransportgewerbe?

  • Sie unterliegen keiner Kabotagebeschränkung
  • Sie unterliegen keiner Lenkzeitbeschränkung
  • Sie werden teilweise nachweislich ĂĽberladen
  • Sie sind teilweise monatelang auf Europas StraĂźen unterwegs
  • Sie fahren teilweise in Zweierbesatzung mit nur einem Schlafplatz, wenn ĂĽberhaupt vorhanden
  • Sie fahren teilweise ĂĽber 2000 km in 24 Std.
  • Sie haben kaum Kontrollen zu fĂĽrchten

Auch Deutschland hat dadurch wirtschaftlichen Schaden

  • Paketdienstfahrzeuge fahren das ganze Jahr in Deutschland, bezahlen aber Steuern und Abgaben in ihrem Land
  • Deutsche Unternehmer werden durch diese Situationen in den Ruin getrieben, das Kleinunternehmertum stirbt immer weiter aus

Was müsste geändert werden?

  • Jeglicher gewerbliche Transport, ob mit Pkw, Caddy, Sprinter sind Transporte und mĂĽssten Lenkzeitbeschränkungen wie die größeren Fahrzeuge auch unterliegen. Das bedeutet, dass ein digitaler Tacho zur Pflicht werden muss.
  • Jeglicher gewerbliche Transport muss konzessioniert werden, und unterliegt somit der Anforderung einer Sach-u.Fachkunde PrĂĽfung.
  • Ganz dringend sollte jegliche Transportfahrt der Kabotagerichtlinie unterliegen, was dann auch entsprechend kontrolliert werden muss
  • Kontrollen mĂĽssen extrem verstärkt werden.
  • Frachtenbörsen und Vermittler sollten kontrolliert werden
  • Fahrzeuge, die den größten Teil ihrer Fahrten in Deutschland durchfĂĽhren, mĂĽssten zumindest anteilig Kfz-Steuer in Deutschland bezahlen.

Durch diese Maßnahmen entstünde wieder ein FAIRER Wettbewerb, bei dem die erbrachte Leistung zählt und nicht die Herkunft!

Die Beobachtungen und Erfahrungen der Kollegen aus dem KEP-Bereich spiegeln das wieder, was auch im Schwerlastverkehr zu beobachten ist – ein ruinöser Wettbewerb, der den deutschen Unternehmern keine Überlebenschance lässt. Auch das „Arbeiten“, das den Kurierfahrern in ihren kleinen Kabinen, teilweise ohne Schlafkabine und zu zweit, zugemutet wird, ist menschenunwürdig. Sie tun es trotzdem, um ihre Familie zu ernähren zu können…

Dank der Geldgier von Unternehmen, mangelnder Gesetzgebung und mangelnder Kontrollen werden hier Menschen ausgenutzt und ausgebeutet. DAS kann nicht Sinn eines geeinten Europas sein!

gez. Michael Schmalz